Hubert Rieber reduziert, schafft perfekte Linien, 
verbindet die menschliche Figur mit abstrahierten geometrischen
Formen. Das Kunstmagazin "art" bringt Riebers Formensprache mit der
von Tilman Riemenschneider in Verbindung.

 

Der Mensch, einst das vornehmste Motiv der Bildhauerei, ist das zentrale Thema von Riebers Arbeit. Den Realismus seiner frühen Werke hat er in den 1990er-Jahren zugunsten der Reduktion verlassen. Riebers Schaffen ist ein fortwährendes, eindringliches Nachdenken über den Menschen und über die Bedingungen des Verschwindens seiner Individualität.

Mit der zunehmenden Reduktion, mit der Konzentration auf die perfekte Form, das Design, werden die Köpfe glatter, gestylter – gesichtsloser. Es sind Köpfe bar jeder Individualität, oft zur Maske erstarrt oder gar zum Helm-Panzer mutiert. Eine ganze Reihe von ihnen ist mit Blei beschlagen. Es sind Köpfe des Heideggerschen "Man”, des Menschen in der Masse – Spiegel des (post)modernen Menschen.

ln der Paradoxie, dass bei zunehmender Perfektion der Form der "Inhalt" der Köpfe schwindet, liegt die Hinterlistigkeit und die Sprengkraft derWerke Riebers. Sie sind eine Art Trojanische Pferde, die ob ihrer technischen Meisterschaft blenden, auf den zweiten Blick aber schockieren und ihre ganze Schrecklich­keit offenbaren. Doch verweilen wir noch einen Moment bei der technischen Meisterschaft. Sie ist zweifellos bestechend. Im Umgang mit seinem Material, dem Holz, suchte Riebernach unerprobten Möglichkeiten und fand sie u.a.in der Verleimtechnik. Diese eröffnet ihm auch neue, das Grundmaß des einzelnen Stamms sprengende Dimensionen. Durch das Schleifen und Polieren gibt er seinem Werkstoff zudem einen in der Holzplastik bisher kaum gekannten Charakter, der nicht nur eine Art Selbsttranszendierung des Materials bewirkt, sondern auch die Grenze zu industriellen Fertigungen, zum Design einmal mehr, thematisiert. Auch darin liegt das Verführerische dieser Arbeiten begründet.

Nimmt man nun aber die Form als Ausdruck, so müssen diese Köpfe erschrecken: Ist dies das Bild des Menschen? Die für diesen reflektierenden Blick notwendige Distanzierung wird nicht zuletzt angestossen entweder durch die Monumentalität oder die Miniaturisierung, die Verschiebung des Massstabs also, oder aber den Sockel, der integrierender Bestandteil der meisten von Riebers Skulpturen ist. Als Stelen – "Kopfstelen" – bezeichnet der Künstler diese letztere Gruppe und schreibt ihr damit die ganze Geschichte und Symbolik dieser Gattung als Aussage mit ein. Diese entindividualisierten, leeren Köpfe werden so zu einer Art Denkmälern. Zu Denkmälern für jenes Verschwinden des Menschen, das in der modernen und zeitgenössischen Kunst schon oft festgestellt wurde. Vielleicht. Mehr noch aber wohl zu Denk-mälern in einem ganz wörtlichen Sinn: Sie mahnen an, das nicht zu vergessen, was den Menschen zum Menschen macht, das Denken. Gerade durch den Schock der Gesichtslosigkeit kann dieses wieder "anspringen", wodurch der Mensch ein, nämlich sein Gesicht (zurück)erhält. Durch das Denken – das Selber-Denken in einem eminenten und emphatischen Sinne – tritt der Mensch aus der Anonymität der Masse heraus und in sein eigentliches Sein ein, kann er an der eigenen Selbstwerdung, am eigenen Gesicht zu arbeiten beginnen. Riebers Werke sind das Gegenteil von existentialistischer Kunst, doch führen sie, setzt man sich ihnen wirklich aus, nicht weniger in eine existentielle Situation. Insofern braucht es Mut, sich auf seine Werke einzulassen, den Mut letztlich zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Menschsein, der eigenen Menschwerdung, wenn denn gilt, dass man Mensch nicht ist, sondern immer nur wird.

Urs-Beat Frei